Das Kunstprojekt “Fünf Tore / Fünf Orte”

stadtplan
Fünf verlorene Stadttore
Fünf Tore führten im Mittelalter in die Stadt Herford. Verbunden durch eine geschlossene Stadtmauer dienten sie einst dazu, die Stadt vor Feinden zu schützen. So wurde jeder Passant genau kontrolliert. Zugleich markierten sie aber auch die Struktur und die Lage einer Stadt, denn in der Regel führten sie in unterschiedliche Himmelsrichtungen auf geradem Wege zur nächstgelegenen Ansiedlung.

Mit der Zeit verloren die Stadttore schließlich ihre Bedeutung. Die Grenzen verliefen nun nicht mehr um den Stadtkern, sondern verlagerten sich weiter nach außen, so dass die Stadtmauern bald zu eng wurden. In vielen Städten sind heute nur noch Fragmente davon erhalten, die späteren Generationen nach wie vor sichtbar in Erinnerung rufen, wie ihre Stadt früher organisiert war und wie sie sich seitdem weiter entwickelt hat.

In Herford allerdings überdauerte keines der fünf historischen Stadttore bis in die heutige Zeit. Stadtentwicklung und Verkehr forderten ihren Tribut und auch das Bewusstsein der Bewohner war auf andere Dinge ausgerichtet als auf den Erhalt „ruinöser“ Zeitzeugen. Vor allem in den 1950er- bis 1970er-Jahren führten großräumige Straßenprojekte dazu, dass heute von den fünf Herforder Stadttoren nur noch die Namen erhalten geblieben sind. An ihrer Stelle findet der Besucher nun große Verkehrskreuzungen (Berger- und Lübbertor), kleinere Brücken (Stein- und Deichtor) oder eine Fußgängerunterführung (Renntor).

© 2010 Marta Herford

„Fünf Tore / Fünf Orte“
Fünf Jahre nach der Eröffnung des ebenso ungewöhnlichen wie einmaligen Museums Marta Herford werden die positiven Impulse dieses mutigen Engagements an vielen Stellen in der Stadt sichtbar. Die Goebenstraße hat sich nachhaltig verändert, Initiativen wie „Kiosk 24“ oder „Leere X Vision“ bezeugen ein lebendiges zeitgenössisches Kunstinteresse, das sich auch im städtischen Leitspruch „Mittelalter trifft Moderne“ widerspiegelt.

Bereits seit 2006 liegt das im Marta Herford unter der Leitung von Gründungsdirektor Jan Hoet ausgearbeitete Konzept „Fünf Tore / Fünf Orte“ vor, das sich mit zeitgenössischen Mitteln den „verlorenen“ Stadttoren annimmt. Grundgedanke ist die Einladung fünf hochrangiger internationaler Künstlerinnen und Künstler, über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren für je ein ehemaliges Stadttor ein neues Skulpturenprojekt zu entwickeln.

So wie einst die Stadttore Anfangs- und Endpunkt eines Weges zur Nachbarsiedlung waren, stehen die fünf eingeladenen Künstler mit ihrer Herkunft für jeweils ein Land oder einen Kontinent, die mit Herford in wirtschaftlicher Verbindung stehen. Damit besitzt das Projekt auch einen hohen symbolischen Wert für die Zukunft dieser Stadt.

Mit international bekannten und geschätzten Künstlernamen besäße dieses Kunst-im-öffentlichen-Raum-Projekt eine überregionale Strahlkraft und würde zusammen mit dem Marta das zeitgenössische Engagement weiter unterstreichen. Herford würde seine Ambition als zukunftsorientierte Stadt mit großer Geschichte weiter hervorheben und zugleich die historische Struktur des Zentrums auch für auswärtige Besucher deutlich in Erinnerung rufen. Die fünf neuen „Orte“ an den ehemaligen Stadttoren wären eine der vielen Visitenkarten, mit denen sich die Stadt ihren Gästen präsentiert.

© 2010 Marta Herford

Der erste Schritt
Im Sommer 2009 präsentierte Marta Herford mit „Dennis Oppenheim – Electric Kisses“ eine vielbeachtete Ausstellung von Modellen und Skulpturen aus dem fast vierzigjährigen Schaffen des berühmten amerikanischen Land Art-Künstlers. Gerade noch rechtzeitig auch wurden die beiden „Safety Cones“ fertiggestellt und spektakulär im zentralen Ausstellungsraum installiert. Sie gehen zurück auf zwei Besuche Oppenheims im Jahr zuvor, bei denen er sich mit der Idee „Fünf Tore / Fünf Orte“ vertraut machte und sich spontan für eine Beteiligung begeistern ließ. Zur allgemeinen Überraschung wählte er für einen möglichen Beitrag ausgerechnet den unwirtlichsten der fünf Orte, die große Verkehrskreuzung am Bergertor.

Schon in den ersten Gesprächen wurde klar, dass Dennis Oppenheim mit seiner Arbeit nicht den idyllischen Ort sucht, sondern den direkten Kommentar zu städtebaulich problematischen Strukturen. Dafür griff er auf eine Idee zurück, die ihren Ausgangspunkt 2006 in einer temporären Installation im Olympiapark in Seattle (USA) nahm. Die Skulpturen, die anschließend vom Nam June Paik Center in Seoul (Korea) für die Museumssammlung erworben wurden, basieren auf der Vergrößerung von Verkehrswarnhütchen, wie sie normalerweise zur Absicherung von Baustellen im Straßenverkehr verwendet werden.

Für Herford sollte es aber noch einen Schritt weiter gehen: Die „Safety Cones“ markieren in heiteren Farbigkeit nicht nur die „geistige Baustelle“ einer verlorenen historischen Struktur. Sie berühren mit den blauen, nachts beleuchteten Fenstern auch Fragen von Architektur und Wohnen in der Stadt. In wechselndem Licht entstehen so Assoziationen zwischen Hochhausbebauung, Notunterkunft und märchenhaftem Zufluchtsort. Oppenheims Skulpturen sind damit weit mehr als ein farbiger Akzent an einer rasch passierten Kreuzung: Mit einem Blick erfassbar stellen sie – nicht ohne Augenzwinkern – weiterführende Fragen danach, wie und wo man in einer Stadt leben kann und möchte …

© 2010 Marta Herford

Die Finanzierung
Es liegt auf der Hand, dass eine Bereicherung der Stadt mit Kunst im öffentlichen Raum, die symbolisch auch die Wirtschaftsbeziehungen Herfords in die Welt aufgreift, mit Hilfe lokaler Förderer realisiert werden sollte. Es war daher von Beginn an Bestandteil der Konzeption „Fünf Tore / Fünf Orte“, für jedes Skulpturenprojekt eine Art Paten zu suchen, der aus seinem wirtschaftlichen Engagement für Herford heraus die Finanzierung übernimmt. Ziel ist es, angesichts einer angespannten Haushaltslage diese Initiative kostenneutral zu realisieren. So soll auch ein Signal dafür gesetzt werden, dass in Krisenzeiten eben nicht Alles zum Stillstand verdammt ist, sondern noch immer genug Raum für Entwicklungen und neue Perspektiven bleibt.

Schon früh fand sich ein erster „Pate“ für das Auftaktprojekt, der über die lange Vorbereitungszeit bis heute zu seinem Wort steht. Im Sog dieser Starteuphorie stieg auch ein zweiter regionaler Unternehmer auf die Idee ein und sicherte seine finanzielle Unterstützung für die Fortsetzung zu – vorausgesetzt der Auftakt gelingt. Auch mit den Eigentümern „Straßen.NRW“ wurden alle sicherheitstechnischen und rechtlichen Fragen geklärt.

Als von Oktober bis November 2009 die „Safety Cones“ für das Bergertor in den verschiedenen Gremien diskutiert wurden, legten die Mitglieder von Ausschüssen und Rat darauf Wert, dass tatsächlich keine Folgekosten auf die Stadt zukommen. Der engagierte Förderer dieses Auftaktprojekts erklärte sich somit auch noch bereit, die zu erwartenden Stromkosten für die Innenbeleuchtung (geschätzte 275 Euro pro Jahr) und die anfallenden Reinigungskosten (voraussichtlich zweimal jährlich) zu übernehmen. Den Künstlerischen Direktor von Marta Herford, Roland Nachtigäller, der sich für die Realisierung stark gemacht hatte, beauftragte der Rat zudem, gemeinsam mit dem Künstler Dennis Oppenheim eine vorläufige zeitliche Befristung der Aufstellung auf zehn Jahre vereinbaren.

© 2010 Marta Herford